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Das Carondelet
Brevier, für franziskanischen Gebrauch, lateinisch.
Handschrift auf
Pergament, illuminiert von Jacquemart Pilavaine.
Hennegau, Mons, um 1460.
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187 x 128 mm. 692 Blätter (das letzte auf den Innendeckel geklebt), es fehlen Einzelblätter nach fol. 207 und 275, sonst komplett: I-XVII12, XVIII12-1, XIX-XXIII12, XXIV8-1, XXV-XXX12, XXXI8, XXXII8-2 [vii-viii weggelassen], XXXIII-LIX12, mit Resten von Reklamanten, alte Foliierung in Tinte 1-13, neue Bleistiftfoliierung mit wiederholt 281. – Schriftspiegel 124 x 80 mm, zweispalting regliert zu 32 Zeilen, geschrieben mit brauner Tinte in einer Textualis Formata in zwei Größen. Überschriften und Rubriken in rot, einzeilige Initialen durchgehend in gold auf blauem oder rotem Grund, über 2500 bis zu sechszeilige Initialen in hellgrauem Blattwerk mit schwarzen Konturen auf braunen Grund, mit Rankenausläufern in blau, rot und gold, teilweise mit Blumen, Tieren, Grotesken oder anderen Figuren dekoriert. 5 Initialen mit Carondelet Wappen, im gleichen Stil; 15 historisierte Initalen mit Bordürenstab in voller Länge und seitlichen Rankenausläufern in den Ober- und Unterrand; 10 kleinere Miniaturen mit Bordürenstab der gleichen Art; 13 große Miniaturen mit Vollbordüren aus meist bewohnten Blattranken mit Löwen, Bogenschützen, Rittern und anderen Figuren und Tieren, dem Carnodelet Wappen etc. – Einige Marginalien, teils leicht geknittert und fingerfleckig, fol. 1 leicht gedunkelt, fol. 686-91 mit Feuchtigkeitsspuren, restaurierte Einrisse in fol. 322 und 655, sonst wohlerhalten und breitrandig. – Dunkelbrauner blindgeprägter Lederband der Zeit über Holzdeckeln auf 5 Bünden, unter den Stempeln Evangelistensymbole, Greifen und Drachen sowie der Schriftzug “ihesus nasarenus rex iudeorum”, zwei alte, aber wohl nicht zeitgenössische Schließen. Vorderes Vorsatz aus einem Antiphonarblatt aus Pergament, punzierter Goldschnitt. Rücken erneuert. In einer Halblederkassette mit goldgeprägtem Titel.
Provenienz:
1. Geschrieben und illuminiert wahrscheinlich für Jean de Carondelet (1428-1502), ein Rat und Diplomat unter Karl dem Kühnen und Maria von Burgund, Vorsitzender des burgundischen Parlaments in Mechelen (ab 1473), Kanzler von Burgund und Flandern (ab 1480). Sein Wappen erscheint 21 Mal in der Handschrift. Das gleiche Wappen kennt man auch aus einem anderen franziskanischen Brevier, Berlin, Staatsbibliothek Ms.theol.lat.fol. 285 (G. Achten, Das Christliche Gebetbuch im Mittelalter, 1987, S. 114-45, Nr. 77), und aus einem Missale in der Schatzkammer der Kathedrale von Tournai (L. Fourez, ‘Le Missel de Jean II de Carondelet’, Scriptorium, XXIII 1969, S. 272-75).
Das Manuskript ist für franziskanischen Gebrauch. Möglicherweise hat Carondelet es anfertigen lassen, um es dem Franziskanerkloster in Tournai zu stiften. Im Kalender der Handschrift ist das Weihedatum dieses Klosters in rot und als Doppelfest eingetragen (31. August, fol. 279v).
2. J. R. Ritman, Amsterdam, BPH MS 7102 (erworben von Tenschert).
3. Privatsammlung, USA.
Text:
fol. 1-275: Temporale nach dem Gebrauch von Rom (“secundum consuetudinem romane ecclesie”, bei den Franziskanern), für das ganze Jahr vom ersten Adventssonntag an – fol. 276-281v: Kalender für franziskanischen Gebauch; es enthält in rot Franziskus mit Oktav, den Empfang der Stigmata, die Übertragung der Gebeine und das Weihedatum von Santa Maria della Portiuncola, dem ersten Franziskanerkloster, auch Antonius ist in rot mit Oktav und Translatio vertreten, usw. – fol. 282v-367v: Psalter – fol. 368-634: Sanktorale für das ganze Jahr, beginnend mit Saturninus (29. November) und Andreas (30. November), etc. und endend mit Katharina (25. November) – fol. 635-670v: Gemeinschaft der Heiligen – fol. 670v: Weihe einer Kirche – fol. 675v: Marienoffizium – fol. 681v: Totenoffizium – fol. 685v: Empfehlung der Seelen und Litanei.
Illumination:
Diese Handschrift ist bemerkenswert reich und phantasievoll dekoriert, besonders für einen franziskanischen Text (angesichts der Bescheidenheit, für die der Orden sonst steht). Die Illuminierung ist dem Künstler Jacquemart Pilavaine zuzuschreiben, dem bedeutendsten Buchmaler in Mons (tätig um 1450-85). Zu seinen Auftraggebern gehörte Herzog Philipp der Gute von Burgund, für den er die Handschrift in Brüssel (B.R. ms. 9043) illuminierte. Eine andere Handschrift (Brüssel, B. R. ms 6069) signierte er sogar als „escripvain et enlumineur“, diese hatte er für Charles de Croy, Graf von Chimay kopiert (d’Ancona/Aeschlimann, 1949, Taf. CIX; Dogaer, 1987, S. 61-62; Pilavains Werk wird derzeit von Anke Esch und Dominique Vanwijnsberghe erforscht).
Die Ikonographie im vorliegenden Buch ist sehr originell und enthält eine Fülle ungewöhnlicher Details. Die Eröffnungsminiatur zeigt beispielsweise ein extrem seltenes Thema, nämlich den heiligen Paulus, der versucht, die Römer aus dem Schlaf aufzuwecken; nach dem Römerbrief 13:11, ‚Bedenkt die gegenwärtige Zeit: Die Stunde ist gekommen, aufzustehen vom Schlaf. Denn jetzt ist das Heil uns näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden’. Der ganze kaiserliche Hof schläft, man könnte an das Märchen Dornröschen denken. An der Wand ist eine Uhr, sie symbolisiert die Zeit und steht gleichzeitig für die täglichen (Gebets-) Stunden, da dies ein Brevier ist.
Pilavaines Anflüge von Verspieltheit und Einfallsreichtum erscheinen sogar auf den Textseiten. „As an illuminator, he is notorious for his overloaded marginal decorations with multi-coloured acanthus, golden leaves, flowers, strawberries and birds“ (Dogaer, S. 61). Hunderte von Initialen enthalten kleine Figuren, Jäger, Bogenschützen, wilde Männer, Narren, Vögel, Hunde, Affen Löwen, Hirsche, andere Tiere, Drachen usw.
Miniaturen: 1. fol. 1: Hl. Paulus und der römische Kaiser. – 2. fol. 25v: Geburt Christi. – 3. fol. 54: Anbetung der Könige. – 4. fol. 160v: Auferstehung. – 5. fol. 189v: Himmelfahrt. – 6. fol. 200: Pfingsten. – 7. fol. 216: Hl. Antonius von Padua und der Maulesel. – 8. fol. 282v: Saul und David. – 9. fol. 294v: David und Gottvater. – 10. fol. 302: Die Rückkehr Davids nach Jerusalem. – 11. fol. 310: David und die Narren. – 12. fol. 317v: David und Gottvater. – 13. fol. 327v: Erhebung der Hostie. – 14. fol. 336: Gottvater mit Musikern. – 15. fol. 346v: Christi Himmelfahrt. – 16. fol. 376v: Die unbefleckte Empfängnis. – 17. fol. 402: Beschneidung. – 18. fol. 414v: Verkündigung. – 19. fol. 487v: Anna Selbdritt. – 20. fol. 525: Tod und Himmelfahrt Marias. – 21. fol. 535v: Hl. Ludwig von Toulouse. – 22. fol. 546: Geburt Marias. – 23. fol. 569: Hl. Franziskus und Innocenz III.
Historisierte Initialen: 1. fol. 48: Hl. Leo. – 2. fol. 68v: Hl. Petrus. – 3. fol. 80: Hl. Paulus und Timotheus. – 4. fol. 83v: Hl. Paulus. – 5. fol. 212: Ephraim mit seinen beiden Frauen. – 6. fol. 225v: David mit dem Amalekiter, der ihm Sauls Krone bringt. – 7. fol. 228v: Elias erbittet das Feuer vom Himmel. – 8. fol. 282v: David und Goliath. – 9. fol. 302v: David, vor seinen Soldaten, zeigt auf seinen Mund. – 10. fol. 368: Allerheiligen. – 11. fol. 372v: Hl. Nikolaus. – 12. fol. 590v: Der tote hl. Franziskus. – 13. fol. 593: Überführung der Gebeine des hl. Franziskus. – 14. fol. 603v: Christus und alle Heiligen. – 15. fol. 635: Die zwölf Apostel.
Literatur:
Anke Esch, ‘La production de livres de Jacquemart Pilavaine à Mons. Nouvelles perspectives’, in: Als ich can. Liber Amicorum in Memory of Professor Dr. Maurits Smeyers. Hrsg. Bert Cardon, Jan van der Stock, Dominique Vanwijnsberghe u.a. (Corpus of illuminated manuscripts from the Low countries, Bd. 11/12). Löwen 2002, S. 641-68.
P. d’Ancona und E. Aeschlimann, Dictionnaire des Miniaturistes, 1949, Taf. CIX.
G. Dogaer, Flemish Miniature Painting in the 15th and 16th Centuries, 1987, S. 61-62.
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