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Auferstehung Christi
Historisierte Initiale R, Ausschnitt aus einem Graduale, illuminiert von Giovan Pietro Birago
Italien, Lombardei (Brescia oder Mailand), um 1470
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Miniatur auf Pergament. 173 x 218 mm.
Provenienz:
Europäische Privatsammlung.
Text:
Die Bildinitiale R eröffnet den Introitus zur Ostermesse: "Resurrexi et…".
Illumination:
In einer reich geschmückten Initiale R, die sich über den senkrechten Schaft in der Form einer korinthischen Säule und in den Rundungen über zwei köstlich ihre Nase aneinander reibenden Delphinen herausbildet, entwickelt sich das mit viel mystischer Kraft erzählte Geschehen des Ostermysteriums. Christus ist aus seinem Grab im Inneren einer felsigen Bergformation aufgefahren und erstrahlt so den dunkeln nächtlichen Himmel und die Landschaft, wo im Hintergrund die Stadt Jerusalem zu erkennen ist. Verwundert und noch sichtlich schlaftrunken, nehmen zwei Soldaten das nächtliche Wunder wahr, während ein dritter teilnahmslos im Schlaf versunken ist.
Das der Kunstgeschichte bisher noch unbekannte Fragment ist ein typisches Produkt der norditalienischen Buchmalerei der Renaissance, wo sich – zwar eklektisch, aber auf einem hohen künstlerischen Niveau – die Traditionen der raffinierten ferraresischen Illustratorenkunst am Hofe der Este und die der an den lombardischen Fürstenhöfen tätigen Buchmaler verbinden.
Sucht man den Stil dieser Miniatur einzugrenzen, so ergibt sich, wie erwähnt, ein komplexes komposites Gewächs aus venezianischen und ferraresischen Trieben an womöglich lombardischem Stamm. Erscheint die Gestaltung der Initiale als schlichterer Reflex der im Umkreis des Liberale da Verona und Girolamo dei Libri vorgebildeten Modelle und setzt diese somit die Kenntnis der Buchmalerei des Veneto voraus, so erkennen wir bezüglich der Figuren und Gesichtstypen Anklänge an die ferraresische Buchmalerei. Auch die Landschaftsgestaltung lässt komposite Elemente erkennen. So sind die Felsformationen Reflexe der mantegnesken Tradition, während die „Kugelbäume“ in die lombardische Tradition der Landschaftsgestaltung hinweisen. Dass hier womöglich ein lombardischer Buchmaler am Werk war, erkennt man auch am satten Kolorit sowie an der vereinfachenden Interpretation der veronesischen Vorgaben bezüglich der (antikisierenden) Gestaltungsform der Initiale. Diese Kennzeichen werden später in Mailand in ähnlicher Form auch in das Werk des sogenannten Meisters B.F. einfließen. Der Figurenstil – insbesondere die etwas summarische Zeichnung der Gesichter, namentlich die spitznasigen Profile – zeigt eine nicht unwesentliche Verwandtschaft mit jenem des aus Monza stammenden Buchmalers Giovanni da Desio, der seinen Namen und die Jahreszahl (1480 IO(H)ANES DE DEXIO FECIT) auf eine Miniatur (ehemals österreichischer Privatbesitz) setzte, welche die Berufung der Apostel Petrus und Andreas darstellt (vgl. dazu Friedrich Georg Zeileis, Più ridon le carte. Buchmalerei aus Mittelalter und Renaissance, Gallspach 2004, S. 338-339). Die hier angestellten Beobachtungen und Überlegungen führen zum Schluss, dass vorliegende Bildinitiale im ausgehenden 15. Jahrhundert von einem lombardischen Buchmaler geschaffen wurde.
Prof. Jonathan J.G. Alexander ist der Ansicht, dass diese Miniatur von Giovan Pietro Birago stammt, was vorliegende stilistische Evaluation stützen würde, da der berühmte Buchmaler, bevor er in Mailändische Dienste trat, in Venedig und Rom tätig war (siehe Alexander 2004, S. 229). Giovan Pietro Birago ist heute bekannt für seine Illuminierung des Sforza Stundenbuchs (London, British Library, ms Add 34294), die er für die Herzogin Bona von Savoyen in den späten achtziger Jahren des 15. Jahrhunderts begonnen, doch nie vollendet hatte. Wahrscheinlich ist er zwischen 1440 und 1450 geboren und kurz nach 1513 in Mailand gestorben, denn noch im Jahre 1513 ist er in Mailand dokumentiert. Er war ein äußerst produktiver Künstler, dessen Karriere schon in den frühen siebziger Jahren des 15. Jahrhunderts begann; aus dieser Zeit sind die prächtigen Chorbücher der Kathedrale Santa Maria Maggiore de Dom in Brescia erhalten, an deren Illuminierung er maßgeblich beteiligt war. Überdies sind aus den neunziger Jahren einige Inkunabeln bekannt, die er für namhafte Familien mit Bordüren verziert hat, wie beispielsweise Joannes Simonetas Commentarii rerum gestarum Francisi Sfortiae, oder auch bekannt unter dem Titel ‚Sforziada’, 1490 (u. a.) gedruckt bei Antonio Zarrotto in Mailand (z. B. erhalten in Warschau, Biblioteka Narodowa, BN. Inc. 1378, ein signiertes Exemplar). In den achtziger Jahren des 15. Jahrhunderts war er für führende venezianische Familien tätig, bevor er um 1490 in die Dienste der Sforza in Mailand trat. Der malerische Stil in vorliegender Miniatur unterscheidet sich doch erheblich von denen des Sforza-Stundenbuchs der achtziger und neunziger Jahre, was Jonathan Alexander zu der Annahme führt, dass sie in der frühen Schaffensphase Biragos entstanden sein muss, möglicherweise um 1470, also etwa in derselben Zeit, als diejenigen heute ausgeschnittenen Miniaturen angefertigt wurden, die Alexander den corali aus Brescia zuordnen konnte (siehe Alexander 2004, S. 232f.).
Wir bedanken uns bei Prof. Jonathan J.G. Alexander für die freundliche Mitteilung.
Prof. Dr Gaudenz Freuler
Literatur:
Die Miniatur ist bislang unveröffentlicht.
Bonfadini, Paola, I libri corali del Duomo Vecchio del Brescia, Brescia 1998.
Gnaccolini, Paola, 'Un aggiunta al catalogo di Giovan Pietro Birago', in: Arte lombarda del secondo Millennio. Saggi in onore di G.A. Dell'Acqua, Mailand 2000, S. 93-101.
Alexander, Jonathan J.G., Giovan Pietro da Birago, illuminator of Milan. some initials cut from choir books, in: Excavating the medieval image: manuscripts, artists, audiences, essays in honour of Sandra Hindman, Hrsg. David S. Areford und Nina A. Rowe, Aldershot, 2004, S. 225-246.
Gnaccolini, Paola in: Dizionario Biografico dei Miniatori Italiani. Secoli IX-XVI. Hrsg. Milvia Bollati, Mailand 2004, S. 104-110.
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