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Anbetung der Könige, Metallschnitt um 1490 – Dr. Jörn Günther Rare Books   Zwei bisher unbekannte Metallschnitte in einer Inkunabel

Psalterium latinum. Bearbeitet von Bruno, Bischof von Würzburg.
[Würzburg: Georg Reyser, um 1488-89]

Erste Ausgabe dieses Psalmenkommentars.
Mit zwei zusätzlichen Einblattdrucken in Metallschnitt.

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Martyrium der heiligen Ursula, Metallschnitt um 1490 – Dr. Jörn Günther Rare Books

Psalter, Würzburg, 1488-89 – Dr. Jörn Günther Rare Books
 
284 x 228 mm. 279 Bl., Kollation: [a-c8 d-z6.8 A-H6.8 I6 K8-1 L8 M-P6.8 Q10]. Blatt K5 wurde entfernt, war aber vermutlich leer; nach Vergleich mit dem Exemplar der Herzog-August-Bibliothek fehlt an dieser Stelle kein Text. – Zweispaltiger Druck in unterschiedlichen Schriftgrößen: 25 Zeilen Text und 50 Zeilen Kommentar. Psalterium in Rot- und Schwarzdruck mit einer siebenzeiligen und mehreren vierzeiligen eingemalten Initialen in Rot und Schwarz mit Federwerk, Kommentar mit gedruckten roten Lombarden. – Zwei altkolorierte Metallschnitte in den Farben Rot, Grün und Gelb sowie etwas Braun sind als Spiegel auf die Innendeckel geklebt (255 x 180 und 254 x 177 mm). – Mit ledernen Blattweisern. Einige alte Einträge und Marginalien, darunter ein zeitgenössisches deutsches Rezept für Tinte auf dem hinteren fliegenden Blatt verso. Teilweise leicht stockfleckig und oben mit schmalem Wasserrand, letztes Blatt mit Randausriss. Metallschnitte sehr gut erhalten, Anbetung mit Besitzeintrag und Bibliothekssignatur im weißen Rand, Ursula mit handschriftlichem Monogramm „AH“ (?) innerhalb der Darstellung, kleine Wurmspur im unteren weißen Rand. – Zeitgenössischer blindgeprägter Halbschweinslederband über Holzdeckel mit einer Vorderschließe. Die verwendeten Einbandstempel, ein Doppeladler mit Krone und eine kleine Rosette, sind in der Einbanddatenbank verzeichnet (EBDB s027908 und s027911) und wurden bisher auf süddeutschen Drucken um 1481-85 nachgewiesen. Damit deuten sie auf ein Bindedatum zur Zeit des Drucks. Vorderdeckel mit späterem Titel in Tinte auf dem Holz „Psalterium Beati Brunonis“, datiert 1588, Rücken mit handschriftlichem Papierschild des 18. Jahrhunderts. Schließband lose erneuert.

Text:
Erste Ausgabe dieses schön in zwei Farben gedruckten Psalmenkommentars, der Bruno von Kärnten zugeschrieben wurde. Bruno, Bischof von Würzburg (um 1004-1045) „legte als einer der wenigen literarisch tätigen Bischöfe seiner Zeit einen großen Kommentar zu den Psalmen an, wobei er die Einführung wie auch den Kommentar selbst aus Stücken zusammensetzte, die er den Kirchenvätern entnahm“ (NDB II, S. 673). Der Text enthält am Ende auch mehrere biblische Hymnen mit Auslegungen, wie Cantica, Paternoster, Tedeum u. a.
Die vorliegende ist die einzige in Würzburg gedruckte Ausgabe. Das Werk wurde im 15. Jahrhundert noch zweimal von Anton Koberger in Nürnberg veröffentlicht (1494 und 1497).

Drucker:
Georg Reyser ist der Erstdrucker in Würzburg. Mit seinen Straßburger Kollegen Stephan Dold und Johann Beckenhub wurde er von Bischof Rudolph II. von Scherenberg nach Würzburg geholt, zusammen erhielten sie 1479 ein Druckprivileg. Während die Gesellschaft sich noch im selben Jahr wieder auflöste, blieb Reyser in Würzburg und druckte vorwiegend liturgische Bücher für das Bistum, außerdem diverse kleinere Schriften, ein Missale für das Bistum Mainz und den vorliegenden Psalmenkommentar (vgl. Wendehorst).

Illustration:
Auf die Innenseiten der Holzdeckel sind zwei großformatige Einblattdrucke in Metallschnitt geklebt, auch Schrotblätter genannt. Sie zeigen die Anbetung der Könige und das Martyrium der heiligen Ursula.
Bereits gegen 1400 begann man Bilder meist religiösen Inhalts in Form von Holzschnitten zu vervielfältigen, später kamen Kupferstiche hinzu, ab der Mitte des 15. Jahrhunderts Metallschnitte und Teigdruck. Solche Bilddrucke ermöglichten eine bescheidene Form der Bildandacht, die für viele leicht verfügbar war. Sie dienten als Pilgerblätter, die an Wallfahrtsorten verkauft wurden, sie wurden mitgeführt, verschickt oder an die Wand gehängt. Nur im Schutz von Büchern konnten diese Einzelblätter die Jahrhunderte überdauern. Die meisten heute noch erhaltenen Einblattdrucke waren in Handschriften eingefügt, häufig aus Klosterbibliotheken. Sie wurden lose eingelegt oder eingeklebt, manche auch außen oder als Spiegel innen auf den Buchdeckel geklebt, so wie unsere beiden Blätter.
Auf der Innenseite des Vorderdeckels befindet sich die Anbetung der Könige. Die Jungfrau Maria sitzt vor der Stallmauer unter einem Strohdach, links neben ihr steht Josef, einen Rosenkranz in der Hand. Maria und hält das Kind auf ihrem Schoß, dieses streckt beide Arme nach dem Kästchen mit Gold aus, das ihm von dem knienden ältesten König dargeboten wird. Zwischen ihnen steht der zweite König, er hält ein Weihrauchfass im Arm, mit der anderen Hand deutet er nach oben, wo am Himmel der Stern leuchtet. Der junge König am rechten Bildrand ist modisch gekleidet in kurzem Rock mit geschlitzten Ärmeln und einem Chaperon mit langer Sendelbinde auf dem Kopf, in einer Hand hält er ein Zepter, in der anderen ein Art Monstranz, an der ein Horn angebracht ist. Im Hintergrund eine Berglandschaft mit Büschen und Bäumen. Am unteren Bildrand steht in Weißschrift der zugehörige Text aus Matthäus 2,11: „Et procidentes adoraverum eum“ (‚und fielen nieder und beteten es an’).
Der hintere Deckel enthält das Martyrium der heiligen Ursula: Dargestellt ist die Rückkehr der bretonischen Königstochter Ursula und ihrer Begleiterinnen nach Köln, nachdem sie eine Wallfahrt nach Rom unternommen hatten. Köln wird zu dieser Zeit von den Hunnen belagert, und alle Pilger werden von ihnen getötet. Im Vordergrund befindet sich der Fluss mit dem Schiff, die Stadt und die Angreifer sind in der oberen Bildhälfte im Hintergrund. In der Mitte des Schiffs mit geblähtem Segel sitzt Ursula, die Hände gefaltet, und hat einen Pfeil in der Brust. Neben ihr ein Kardinal mit großem Doppelkreuz und einem aufgeschlagenem Buch, beide sind umgeben von vielen kleineren Figuren, den Jungfrauen ihres Gefolges. Am Bug des Schiffes, links im Bild, sitzt der Papst mit der Tiara auf dem Kopf und einem Ruder in den Händen, am Heck ein Bischof, ebenfalls mit Ruder. Einige teils von Pfeilen getroffene Jungfrauen sind im Wasser vor dem Schiff, während die Pilger vom Ufer vor der Stadt aus mit Pfeilen und Speeren angegriffen werden. Die Stadt ist durch den Turmstumpf mit Kran sowie durch die drei Kronen über dem Torbogen eindeutig als Köln identifiziert und außerdem mit dem Schriftband im Himmel: „Sanc[ta] ursula colonia“ bezeichnet. Über der Szene schweben zwei halbfigurige Engel und halten mit Kugeln gefüllte Tücher vor sich, die, wie ein Vergleich mit der gleichen Szene aus dem Ursulazyklus des Kölnischen Meisters von 1465 (Köln, Wallraf-Richartz-Museum) zeigt, die in den Himmel aufgenommenen Seelen der getöteten Jungfrauen symbolisieren sollen.
Die beiden Schrotblätter stammen aus derselben Werkstatt. Hierauf deuten neben dem annähernd gleichen Format und der einfachen schwarzen Einfassungslinie vor allem die gleiche Behandlung der dargestellten Oberflächenstrukturen, wie die gepunzte und an den Rändern aufgehellte Landschaft mit Grasbüscheln und Blumen, die Schraffur der Gewänder, die teilweise mit Punziermanier kombiniert ist, die feine Wellenstruktur von Boden bzw. Wasser und insbesondere die eigentümliche Musterung des Himmels mit kleinen, übereinander stehenden Bögen, die Schreiber zu dem Notnamen „Meister mit dem Maschenhintergrund“  bzw. „maitre au fond maillé“ animiert hat.
Schreiber waren unsere beiden Metallschnitte nicht bekannt. Anhand der charakteristischen Himmelsstruktur und anderen Merkmalen kann man sie diesem Meister jedoch eindeutig zuordnen. Schreiber verzeichnet mindestens zwölf Bilddrucke von ihm, die er in das letzte Viertel des 15. Jahrhunderts, teils nach 1500 datiert (Abbildungen z. B. in Schreiber, Meister der Metallschneidekunst, Abb. V = Schr. 2468a; British Museum, collection database online, Schr. 2457, 2589 und 2717). Zwei dieser Blätter enthalten deutschen Text in oberrheinischem Dialekt (2457 und 2761), eine profane Darstellung zeigt Figuren in Straßburger Tracht (2761), weshalb Schreiber die Werkstatt dieses Meisters nach Straßburg verortet. Auch die Gras- und Pflanzenbüschel auf dem Boden hält er für ein oberrheinisches Merkmal. Gleichwohl enthält ein anderer Druck (2736) auch Text in fränkischem Dialekt und für 2457 vermutet Schreiber eine niederrheinische Vorlage, was man für unsere beiden Blätter schon wegen der Motive ebenfalls annehmen darf. Als Paar sind beide Blätter eng auf Köln bezogen: mit den heiligen drei Königen und der heiligen Ursula zeigen sie die wichtigsten Patrone der Stadt, die auch im Kölner Wappen symbolisiert sind.
Ab etwa 1440 nahm die Produktion von Bildrucken deutlich zu. Die Motive wurden immer wieder kopiert, nachgeschnitten, in andere Techniken übertragen und weit verbreitet, daher ist eine sichere regionale und zeitliche Einordnung nach stilkritischen Kriterien kaum möglich. Eine unmittelbare Vorlage für das Martyrium der Ursula könnte der Holzschnitt Schr. 1710 gewesen sein (British Museum; Bartsch 16601.1710): Die Darstellung ist von nahezu identischer Größe, aber seitenverkehrt, die Komposition stimmt in den meisten Details überein, bis auf eine der Jungfrauen: im Holzschnitt ist sie, von einem Pfeil getroffen, kopfüber über den Rand des Schiffes gebeugt und droht herab zu stürzen, währen sie sich im Metallschnitt – weniger plausibel – von außen festhält, als versuchte sie, wieder auf das Schiff zu kommen. Für den Holzschnitt nimmt Schreiber eine Entstehung in Köln an, während Dodgson (Woodcuts in the XVth century, II, no. 222) den Stil eher für süddeutsch hält und das Blatt auf 1480-90 datiert. Dennoch geht der Holzschnitt mit Sicherheit auf Kölner Vorbilder zurück, wie die Engel mit den Seelen der verstorbenen Jungfrauen belegen.
Eine so geläufige Darstellung wie die Anbetung der Könige lässt sich dagegen weniger genau zuordnen. Immerhin erinnert die Komposition eher an den nördlichen Kunstraum, ebenso wie die Kopfbedeckungen von Maria und dem jungen König. Beispielsweise findet sich im Stundenbuch der Katharina von Kleve auf dem Anbetungsbild eine vergleichbare Anordnung der Figuren wie auch der auffällige Zeigegestus des mittleren Königs. Doch sind zum Ende des 15. Jahrhunderts zahlreiche Anklänge niederländischer Kunst in Süddeutschland zu finden, die unter anderem über Köln und den Rhein dorthin gelangten, sei es durch reisende Künstler oder in Form von Kupferstichen und Einblattdrucken. Ein bekanntes Beispiel ist der Meister E. S., der am Oberrhein aktiv war, der aber auch deutlich von niederländischen Künstlern wie Rogier van der Weyden beeinflusst wurde. Eine seiner Kompositionen der Anbetung der Könige (nur in einigen Reliefs und einer Nachzeichnung nach dem verlorenen Stich erhalten; vgl. Höfler, S. 58 und Abb. 69-71) ist unserer Anbetung recht ähnlich und eine Kopie des Stichs könnte gut eine der Quellen für unseren Metallschnitt gewesen sein.
Die Datierung der Holzschnitt-Vorlage, die relativ späte Aktivität des Meisters mit dem Maschenhintergrund und das Druckdatum unserer Inkunabel machen eine Entstehung der Metallschnitte um 1490 wahrscheinlich.

Seltenheit:
Der schöne Würzburger Psalterdruck ist in öffentlichen Bibliotheken gut vertreten, allein 70 Exemplare in Deutschland.
Die beiden Metallschnitte sind dagegen offenbar Unikate: Wir konnten kein weiteres Exemplar beider Motive nachweisen. Metallschnitte von solch großem Format sind noch seltener als kleine. Die Bilddrucke des fünfzehnten Jahrhunderts, in Holz- wie in Metallschnitt, wurden zwar in große Mengen produziert, waren aber einem erheblichen Verschleiß ausgesetzt. So haben sich nur die Blätter erhalten, die wie unsere in Büchern aufbewahrt wurden, d.h. alle Einblattdrucke des fünfzehnten Jahrhunderts sind heute äußerst selten. Schreiber verzeichnete über 4700 verschiedene Holz- und Metallschnitte, davon sind nur etwa 7 Prozent in mehr als einem Abdruck erhalten (vgl. Richard S. Field in: Origins of European Printmaking, S. 19).

Provenienz:
1. Mit handschriftlichem Besitzeintrag auf dem vorderen Spiegel unter dem Metallschnitt: „Sum ex libris Joannis Baptistae Riedneri Haidingsfeldensis. Anno 1568. Dono dedit mihi Joannes Buttnerus junior“, ein weiterer Eintrag auf Blatt a1.
Die Stadt Heidingsfeld ist heute ein Stadtteil von Würzburg. Johann Baptist Riedner hatte dort mit Bildung und Schulwesen zu tun (siehe Rainer Leng (Hg.), Die Geschichte der Stadt Heidingsfeld, Regensburg 2005, S. 480, Anmerkung).
2. Seit mehreren Generationen (wohl seit dem 18. Jahrhundert) in deutschem Adelsbesitz.

Literatur:
Psalter: Hain-Copinger Nr. 4011*. – ISTC ip01046000. – GW M36219. – Goff P-1046. – London, BMC II 571. – München, BSB-Ink P-832. – Freiburg, Sack 2969. – Wolfenbüttel, Borm 2247. – Oxford, Bod-inc P-510. – Alfred Wendehorst, Das Bistum Würzburg 3, (Germania Sacra 13), Berlin 1978, S. 45. – Kurt Ohly, Georg Reysers Wirken in Strassburg und Würzburg, in: Gutenberg-Jahrbuch 1956, S. 121-40. – Geldner S. 230.

Die Metallschnitte sind bisher unveröffentlicht.
Schreiber, Handbuch der Holz- und Metallschnitte des XV. Jahrhunderts, Bd. V, Leipzig 1928, Nr. 2173, 2436, 2457, 2466, 2468a, 2483, 2495, 2589, 2709, 2717, 2756, 2761. – Schreiber, Meister der Metallschneidekunst, Straßburg 1926-27. – British Museum, collection database online: http://www.britishmuseum.org/research/search_the_collection_database.aspx (letzter Aufruf 4. Mai 2011). – The Illustrated Bartsch, 166 (Suppl., ed. Richard S. Field), 2008, Nr. 16601.1710. – Peter Schmidt, Bildgebrauch und Frömmigkeitspraxis, in: Spiegel der Seligkeit, Ausst. Kat. Nürnberg 2000. – Origins of European Printmaking, Ausst. Kat. Washington und Nürnberg 2005. – Janez Höfler, Der Meister E. S., Regensburg 2007, S. 58 und Abb. 69-71.